1988 - Es war ein Spätsommertag

Aktualisiert: Apr 2

aus dem Archiv (2018)  

Weißt Du noch, wie alles begann?   Weißt Du noch, das erste Mal?

Mit diesen beiden Fragen startet Reinhard Mey in sein Lied "Das erste Mal". Wenn wir uns in einem Moment innerer Ruhe auf diese beiden Fragen einlassen, werden wir vermutlich sofort in einen Erinnerungsstrudel gerissen. Es beginnt eine intensive und intime Reise durch unsere bisherigen Jahre. Die Landmarken auf dieser Reise sind unsere Ersten Male. An unsere ersten Schritte im heimischen Kinderzimmer erinnern wir uns meist nur vom Hörensagen - aber kurz darauf, vielleicht schon beim Abschrauben der Stützräder am Kinderrad, beginnt unsere Reise. Das erste Mal ohne die Eltern im Klassenraum. Das erste Mal Tafeldienst. Das erste Mal dieses kribbelnde Gefühl im Bauch, wenn unser geheimer Schwarm uns ein verschmitztes Lächeln schenkt. Das erste Mal tränensalzige Lippen wegen der unerfüllten Liebe zu haben ist oft gar nicht so fern der ersten, glücklichen Liebe. Aber auch die kleinen Marken, wie das erste, selbst zusammengebaute Modellauto oder die erste, selbstgestylte Barbie-Frisur machen etwas mit uns. Erste Male legen Grundsteine, schaffen Wertvorstellungen und helfen uns später, uns in ihrer Erinnerung wieder zu erden. Sie helfen uns, uns wieder auf das Wesentliche zu fokussieren.      

Dieser analoge Fotoabzug zeigt einen Spätsommernachmittag im Jahr 1988. Er ist Teil meiner ganz persönlichen Reise durch meine ersten Male. Er ist Teil meines ersten, mit Kinderhänden selbstfotografierten Films. Mein Vater und ich waren zu einer kleinen "Männerwanderung" durch den Harz aufgebrochen. Am Wegesrand setzten wir uns auf eine Bank, von der aus wir auf diese Szene blickten. Das Warnschild des Bundesgrenzschutzes, der Wachturm links außerhalb des Bildes und der hinter der Mauer befindliche Todesstreifen schüchterten mich stark ein. Die Brutalität des verminten Todesstreifens und der erkennbaren Selbstschussanlagen wollte ich weder begreifen, noch akzeptieren. Schon als Kind liebte ich es, Menschen zu begegnen. Was gab es für einen Grund, Menschen so brutal auseinander zu halten? Mein Vater bemerkte meine Verstörung und schob sein eigentliches Thema, dass er von Anfang an im Gepäck hatte, etwas auf und drücke mir spontan seine große, analoge Spiegelreflexkamera in die Hand.


Diese analogen Abzüge sind die Grundsteine dafür, wie wichtig mir bis heute die Fotografie und das Nichtakzeptieren von Grenzen zwischen Ländern und Menschen ist.

Was ein Moment! Seit wir einige Wochen zuvor gemeinsam (gefühlt zum hundertsten Mal) beim heimischen Photo Porst waren und schließlich dieses wahnsinnig faszinierende Gerät mitgenommen haben, träumte ich davon mit dieser Kamera durch die Welt zu streifen. In meinen Träumen war ich ein großer Fotograf. In der Realität durfte ich die Kamera nicht länger als 30 Sekunden in der Hand halten. Bis jetzt. Nun stand ich da, stolz den breiten Gurt um den Nacken gespannt, und lauschte den Worten meines Vaters. Schnell erschloss sich mir ein Grundverständnis von Licht und die

Waagschalen voll Blende und Zeit. Während ich meine ersten Testfotos von dieser verstörenden Grenzbefestigung machte, streute mein Vater hier und da ein, warum wir meine Großtanten aus der DDR nur an Weihnachten und seine Schwestern gar nicht treffen konnten. Er erzählte von seiner Flucht auf diese Seite und dem Warum dahinter. Wir diskutierten über Grenzen zwischen Ländern und Menschen und darüber, warum mir diese Kamera unglaublich gut steht. :)

Am Ende entstanden ein paar wenige, scharfe Fotos (Autofokus gab es nicht), die sich heute wie Mahnmale anfühlen. Sie sind die Landmarken meiner Erinnerungreise - und die Grundsteine dafür, wie wichtig mir bis heute die Fotografie und das Nichtakzeptieren von Grenzen zwischen Ländern und Menschen ist.

Ein schöner Nebeneffekt ist, dass ein Foto aus vergangenen Tagen die Erinnerung mit feinen Details aufsättigt. Auf dem oberen Bild steht die tiefstehende Sonne noch hinter uns, während vor uns langsam Gewitterwolken aufziehen. Etwas später, im zweiten Foto, erkennt man schon den Dunst in der Landschaft, die nun von langsam von Wolken eingehüllt wird. Dazu gesellen sich beim Betrachten die Erinnerung an die schwüle Sommerluft, das Summen der Insekten und der Traktor, der in der Ferne seine Runden zu drehen scheint. Jetzt wo ich es aufschreibe erinnere ich mich noch, dass wir uns gefragt haben, auf welcher Seite der Grenze er wohl fährt.


Hast Du noch Erinnerungen oder gar Fotos Deiner ersten Fotomomente?


Ich empfehle Dir, Dich auf die Suche nach ihnen zu machen, ganz gleich, ob sie in Deinem Kopf oder in einer Fotokiste liegen! Du wirst vermutlich keine fotografischen Meisterwerke finden, aber ganz sicher eine schöne Erinnerung und einen oder gar zwei Grundsteine für die Dinge, die Du bis heute tust oder mal wieder tun solltest. Für neue erste Male ist man übrigens nie zu alt! Nicht als Fotograf, nicht als Freund, nicht als Ehemann, nicht als Freundin und nicht als Ehefrau! Erinnere Dich wieder an Deine ersten Male und schaffe Neue - Du wirst sehen, das macht was mit Dir und Euch! ;-)

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